Tomás Milián

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Frau Stockl
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Tomás Milián

Beitrag von Frau Stockl » Sa 30. Mär 2024, 23:55

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Auftakt zur langlebig gehaltenen, auch vielfältig gestrickten und ausgiebigen Saga um die Belange von Hippie Nico von der Kripo, sein beruflicher Werdegang, die Weiterbildung, später auch die privaten Haushalte und allgemein die Scharmützel, (fast) ein knappes Dutzend Filme an der Zahl, später und zwischendrin noch erweitert durch nur bloß scheinbar zugehörige Abenteuer, im Deutschen durch ähnliche Schlagwörter oder die Synchronisation selber dazu gedichtet. Eine Erfolgsgeschichte auch, mehrere Jahre Zuspruch und Beliebtheit beim Publikum (nie wirklich vorneweg, aber längere Zeit konsequent Top 40), eine gewisse Nachhaltigkeit vorhanden, und ein Beispiel für das zeitgenössische italienische Kino, in seiner Veränderung, seinem Untergang und seinem Wandel. Vom Polizei-/und Kriminalfilm letztlich zur Blödelklamotte, ein langes Halten in den Charts, dann aber zwangsläufig auch ein Abrutschen in der Hitliste, ein Wechsel nicht der Macher dahinter, aber der Struktur, mit Höhen und Tiefen, mit Treffern und mit Nieten:

Schlagzeilen leiten die Geschichte ein, die Zeitungen voll damit, mehrere Seiten mit unterschiedlichen Schwerpunkten der Nachrichtenagentur gefüllt, die Titelseite belegt, die Kriminalität auf dem Höhepunkt, das Verbrechen lebt und bebt. Entsprechend dessen, dem Verfall von Sitte, Moral und Anstand allgemein, der Verrohung der Gesellschaft, der Bedrohung der Zivilisation, ist die erste Szene schon eine, die man nicht alltäglich sieht. Eine Ablenkung aber nur, der Hebel für einen Diebstahl im großen Stil, werden ahnungslose japanische Touristen auf die falsche Fährte gelockt, mit einer obszönen Nummer ausgetrickst und ausgeraubt, am helllichten Tage, die Aufregung da, die Schlagzeilen gefüllt. Gerissen sind die Gauner hier, andere agieren mit Gewalt und Brutalität, mit Unverschämtheit und Skrupellosigkeit, die Methoden zahlreich, die Mittel unterschiedlich, die Banditen allgegenwärtig, Der Superbulle mit der Strickmütze als Antwort bitter nötig.

Corbucci, Amendola und Milián hier noch frisch im Genre unterwegs, der eine mehr, die anderen weniger, wird mit Schwung und Elan gehandelt, viele verschiedene Situationen gezeigt und rasch die ersten (von mehreren furiosen) Actionszenen präsentiert, Tat und Angriff, Flucht und Verfolgung, Verteidigung und Gegenwehr. Ein Motorrad rast in die Menge, ein Dieb wird durch den Markt geprügelt, nebenbei die saloppen Sprüche und Beleidigungen auf der (deutschen) Tonspur, der Polizist als Hanswurst und Haudrauf, bereit für jede Schandtat und die Schmutzarbeit, die beste Lösung, da die beste Kenntnis der Materie. Der Film kommt noch vom Fach quasi, mit Energie und Qualität, die Stunts ungehobelt, die Geschichte nichtig und dennoch aufs Tempo drückend. Ein ausgelöster Sturz kopfüber in den Acker in voller Fahrt, ein Tritt in den Unterleib, die Zeiten rau, der Beruf auf beiden Seiten des Gesetzes hart.

Heruntergewirtschaftet ist die Szenerie hier, das Revier abgewrackt, die Sonderkommission so edel ausgestattet wie die Beamten in ihren Manieren, also gar nicht. Die Regie passt sich dem an, neben den Fäusten wird mit dem Mundwerk gearbeitet, grob der Ton und grob die Bilder. Die Prämisse der Handlung wird eingangs kurz aufgeworfen und angerissen, dann wieder ignoriert bis fast vergessen, 'Und die Großen lässt man laufen' ist der Plot hier, drumherum werden alte Bekannten aufgesucht, wird der Vorgänger noch einmal erzählt und rekapituliert, wird beruflich und privat ermittelt und auch etwas moralisiert. Milián hat im Original seine Stammsynchronisation, im Deutschen wird er hier durch Hartmut Reck eingesprochen, was unpassend bis gewöhnungsbedürftig ist und dem Part etwas seine Abgeklärtheit im Umgang mit all dem da draußen nimmt; später wird meist Thomas Danneberg als Sprecher erklärt. Zumindest wird diesmal ein Gegenüber aufgebaut, ein Gegner, eine Nemesis, die anderen Filme funktionieren teilweise als Krimi(komödie) oder als Undercovergeschehen mit (Anleihen beim Krimi, seinen komödiantischen Anteilen bzw.) dem allgemeinen Polizeifilm, hier wahrscheinlich genau richtig kommend zur Zeit, “Es ist genau pünktlich zwei Brüstchen.

So wird sich viel bewegt und viel geschnüffelt, es wird diskutiert und gestritten, es werden Frauen überfallen und sexuell genötigt, ein violentes Treiben, “Mit 'ner Wumme in der Hand hat man leicht 'ne große Fresse, gell?“, schlicht das Gebaren, die Inszenierung vom Kampf des Staatsapparates gegen die organisierte Kriminalität grell. Observationen führen zu Hetzjagden mit Blechschäden, führen zu Raufereien in Bauruinen, führen zu einem echten Starauftritt, garniert mit “dämlichen Sprüchen“; das ist oftmals besser abgemischt als noch in den Folgewerken, es ist heißblütiger, es ist körperlicher und körniger, es hat (wie der etwas langatmige zweite Teil) auch Ansätze von Sozialkritischen. Erstaunlicherweise ist der Hauptdarsteller (ausgenommen in der Disco- und Tanzszene) aber blasser als sonst, buchstäblich gar, er wirkt eher schlaftrunken, zuweilen wie übermüdet und allgemein geschafft, die Kostümierung ist anders, die Maske vor allem auch, Milián wird von Palance (in seinem Cameo) tatsächlich an die Wand gespielt.

Die eingeflochtene Liebes- oder Bettgeschichte ist trotz aller gebotenen Attraktivität von Omaggio eher traurig bis sentimental wirkend, eine kurze Verschnaufpause der zunehmenden Brutalität, bald herrscht Mord und Totschlag, selbst am Sonntag, nichts ist mehr heilig, ein Leben den Pfifferling nicht wert. Rom speziell und Italien generell hier als Art Klosettbecken, voll mit Sadismus, Zynismus, Radikalismus, Humorismus, dafür fehlt Humanismus, dafür wird über lose Hausdächer gesprintet, wird der Feind mit heißem Teer überschüttet, es wird von der Regenrinne gestürzt, es wird die aufblühende Romanze immer auf später vertröstet, oder ausgenutzt gar, schlecht behandelt, wenn auch nur zum Schein. Die Menschen so abgenutzt wie die Umgebung, Halsabschneider, Kidnapper, Erpresser, Hehler, Spitzbuben mit Spitznamen, Zuhälter, alle mit “Passierschein zum Friedhof“, alles miese Blutsauger. Auseinandersetzungen meist quer durch Holz und Glas und Mauern, mit unfeiner Beinarbeit und unsauberen Schwingern, mit Hals- und Beinbruch, dazu schlitternde, schlingernde, quietschende Raserei durch Stadt und Pampa, eine wahnwitzig wilde Kurverei von Die Superbullen auf den heißen Feuerstühlen, ein 'Rückfall' in alte Tugenden.
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Frau Stockl
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Re: Tomás Milián

Beitrag von Frau Stockl » So 31. Mär 2024, 00:24

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Wie auch folgend und dies anhaltend ist die Handlung voll mit kriminellen Handlungen und verbrecherischen Aktionen, es wird davon gesungen, es wird von Gefängnis und den Folgen geklagt, der Schwerpunkt liegt auf dem, was davor kommt, die jeweilige Tat, meist mitten am Tage, wird viel geraubt und gestohlen. Rom und Umgebung als ein Ort der Unsicherheit und des Verlustes, Diebe überall, Autos werden entwendet, Motorräder, Handtaschen, Schmuck, manchmal mit Tricks und Ablenkung (“Sieh dir das hässliche Ding an, das ich für die Schlüssel vögeln musste.“), oft auch mit Gewalt. Ein Schutz ist selten vorhanden, zu ausgeprägt das Handwerk der Halunken, die technische Finesse, die Skrupellosigkeit, das Überraschungsmoment, die körperliche Überlegenheit, zu sehr ausgeprägt auch noch die Gutgläubigkeit der Bevölkerung, die Ahnungs- und damit Wehrlosigkeit:

'Gearbeitet' wird hier übrigens auch an Sonntagen, jeder günstige Moment genutzt, die Heilige Stadt als heißes Pflaster, nichts von Bestand, die Geschichte hier und auch die noch folgenden wimmeln voll Straftaten, hinzu kommt noch ein verbaler und insgesamt ein moralischer, oft ins Obszöne gehender Verfall. Geschrieben vom Team Amendola und Corbucci, vom letzteren auch gedreht, ein steter Niedergang des Wertesystems (“Sie defäkierten sogar.“ - “Sie haben was?“ - 'Sie defäkierten auf dem Sessel.“ - “Sie kackten drauf. Manche tun es aus Angst, andere aus Verachtung. Die aus Verachtung. Das sieht man.“), der Gesellschaft selber, es nimmt fast schon Wunder, dass die Zivilbevölkerung auch im letzten Jahr 1984 und Ein Superesel auf dem Ku'damm noch besteht und lebt.

Die ersten vielen Minuten ein Hin und Her aus diversen kleineren Aktionen, Einschlagen von Fenstern, Ausschalten von Alarmanlagen, das Hineinschmuggeln in eine Wohnung mit einer Art Trojanischen Pferd; viele Szenen, viele Personen, im Grunde ist nur einer davon wichtig, der, der von Bombolo verkörpert wird und noch die meisten anderen Filme mit seiner Anwesenheit und der 'Komik' 'beehrt'. Bombolo ist quasi der Antichrist in der Reihe, sein Gegenüber (und mal Partner oder Verbündeter) ist Milián, einer seiner prägnantesten Rollen hier, schon durch die Vielzahl an Auftritten und der zunehmenden Gestaltung, der Darsteller wird zur Figur und zurück inspiriert, das Verhalten, das Aussehen und die Kommunikation mehr als deutlich: “Wow! Dein Arsch spricht für sich.

Ein Beamter der etwas anderen Art demnach, ein Polizist vom etwas anderen Schlag, die Regie konzentriert sich bald auf ihn, alles weitere ist drumherum, seine Kreise um Maresciallo Giraldi, “Bestrafer der Wichser“ ziehend. Es geht vom Vielen in das Einzelne, vom Kleinen zum Großen, Corbucci als Regisseur mal Gestalter und oft scheinbar nur Beobachter. Belangloses wird plötzlich wichtiger, Nebenfiguren zur bedeutenden Erscheinung, die Erzählung vom vielen Allerlei eine fortlaufende, zusammenhängende Nummerierung. Einige der Fortsetzungen sind oft schneller im Start, einige auch wesentlich aggressiver, progressiver, hier wird vorbereitet und angedeutet, es wird sich durchgefragt und erkundigt, es wird observiert, es wird geflucht, jeder mit jedem. Es gibt einige prägnante Personen in der Besetzung, gerade welche bei der 'Polente', welche hier und auch später nicht so richtig genutzt werden, aber trotzdem Aufmerksamkeit in die Angelegenheit bringen, zudem wird auf Abwechslung Wert gelegt, Unterhaltungswert eben.

Das klagende Titellied kommt mitten im Film noch einmal zur Vorschein, “Jetzt bin ich im Gefängnis. Aber ich werde es nicht hinnehmen, dich zu verlieren.“, auf jede passende Szene kommt mit Garantie eine unpassende, eine ungehörige, bestenfalls eine frivole, oder gleich eine geschmacklich diskutierbare, das Drehteam in der Hinsicht ohne Rücksicht und auf volles Risiko. Es gibt viel Bilder in Unterwäsche, es gibt einen Abstecher in die Sozialviertel, dann wird wieder Räuber und Gendarm gespielt, mit kleineren Stunts, einer Zugverfolgung per Motorrad, auf einem Bauerngehöft eine Drei-Parteien-Schießerei, auf einer Straßenkreuzung eine Massenkarambolage, alles bisschen aus der lockeren Hüfte gefilmt; die Handlung ist dabei zum ersten Teil recht ähnlich (“Jedes Mal, wenn ein Ami beteiligt ist, müssen wir uns einscheißen?“), die 'gewöhnlichen' Kriminellen, die aus der Not heraus, kommen durch Zufall tödlichen Genossen in die Quere und werden selber als Ziel auserkoren, es werden Abschusslisten erstellt und letale Abschlüsse vorgenommen. Dabei sind die ersten Teile auch noch etwas von Serpico inspiriert, also wirklich bloß etwas, später ist man seine eigene Quelle.
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Re: Tomás Milián

Beitrag von Frau Stockl » So 31. Mär 2024, 12:57

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Auch sonntags wird hier gearbeitet, trotz des freien Tages, trotz der Messe, trotz der Katholiken vor Ort, die ihren Jesus Christus ehren, trotz des bevorstehenden Mittagessens, der wichtigsten Mahlzeit der Woche, der Sonntagsbraten; wobei hier wahrscheinlich eher die Ravioli auf den Tisch gehören. Bombolo macht wieder seine Aufwartung, mit ihm steht und fällt die Reihe, Bombolo ist die Messlatte für den Humor, die Filme gelten gemeinhin als Komödie. Dabei hat die Saga von Corbucci (& Amendola) zumindest als Gäste noch ganz andere, 'richtige' Darsteller vorzuweisen und sich dahingehend nichts vorzuwerfen, mal Jack Palance, mal Enzo Cannavale, mal Eli Wallach, hier David Hemmings, für jeden Blödsinn zu haben, als Trost für den Zuschauer und wohl auch für den eigentlichen Star Milián; der bekommt unterschiedliche Auffassungen dadurch und mal gleichwertige Mit- und mal ebensolche Gegenspieler.

Als Gaunerstück fängt man hier an, als Scharade auf dem Airport, und als Hinterlist in den edleren Vororten, beide ein fauler Trick, das Ausnutzen von gleichzeitig Höflichkeit, Geldgier, Gutgläubigkeit und Arglosigkeit; eine abgekartete Sache, nur einer durchschaut das Spiel. Einer ist auf Hut und auf Achse, er ist nicht so leicht zu veräppeln und zu beeinflussen und beeindrucken, hier nicht und woanders nicht, er ist selber schlitzohrig im Ansinnen, schmutzig in den Gedanken, unkonventionell und impulsiv bis eigensinnig, und er steht auf der richtigen Seite des Gesetzes, der Marke nach zumindest. “Wenn ein Dämlack drauf reinfällt, was schadet es?“ - “Was ist ein Dämlack?“ - “Einer, der Kacke isst und sie für Käse hält.

Mit Nepp beginnt der Film und so geht man auch weiter, so hört man auch auf, die Dialoge unverblümt, oft mit Schimpfwörtern, mit Schlagworten, mit passenden unpassenden Vergleichen. Die Regie ist zutiefst entspannt, sie ist am Bebildern der Worthülsen und am Begleiten, Corbucci hat auch seinen freien Tag, ein Leben lang. Das Geld ist wie gewonnen so zerronnen, es wird sich nicht um Kritik, sondern den eigenen kurzen Moment, den Erfolg an der Kinokasse geschert, man filmt im Akkord, man schreibt die eigenen Bücher und die für andere, man kennt das Gegenwartskino, es wird oft zitiert (später sind Stallone und Travolta die Helden, hier noch Pacino mit Serpico), es wird auch drauf gepfiffen, man hat seine eigene Herangehensweise, eine bewährte Methodik.

Fickt Euch, du und dieser englische Kloputzer!“ heißt es entsprechend bald, disziplinlos gegenüber der Umwelt und dem eigenen Vorgesetzten, hier in Sachen Polizeiarbeit noch eher im Betrugsdezernat und nicht in dem von Mord und Totschlag zuständig, und auch noch in Partnerschaften, mit weiteren Kollegen, mit einem festen Assistententeam und nicht bloß allein und autark zuständig. Dass der Brite mit seiner Pfeife im guten Anzug und den folgerichtigen Manieren und Flanieren hier noch hinzukommt, macht den Film bzw. die Handlung endgültig voll, es wird ermittelt und befragt, Orte abgeklappert und sich durch das Milieu geprügelt, “die Zeit wird knapp und der Tod schleicht heran“. Eine erste heiße Spur führt schon dahin, wo sie nicht soll, zu zwei Ermordeten im Bett nämlich (“Meinst Du, in dem Alter bumst ein Mann noch seine Frau?“), die weitere Fährte direkt in das Buddy Picture, zu zwei Gegensätzen ziehen sich an, zu “Sie hielten mich irrtümlich für eine Schwuchtel.“ - “Nein, für einen, der es in den Arsch kriegt.“, zu einer Flucht und Verfolgung auf vier Rädern, zu einem Überschlag auf dem nächtlichen Markt, zu einer neuen Bekanntschaft auch, einem weiblichen Ebenbild, eine studierende Feministin.

Giraldi geht dabei mit Anspielungen und mit Beleidigungen vor, auch mit körperlicher Aggressivität bis Gewalt, der Brite versucht es zu seinem Entsetzen etwas edler, eine ungleiche Partnerschaft, quasi ein Pari e dispari, ein Zwei sind nicht zu bremsen. Bald wird fröhlich weiter gestorben, gerne auch an belebten Orten, was der Film gar im Nebenher als politischen Kommentar mit nutzt, und über die Nachstellung eines Italowestern (in glorreichen Zeitlupen) auf eine zweite Ebene hievt, die Schreibweise ist hier besser, die Sprache dreckiger, die Action und Stunts wie ein Scharfschützenattentat und ein Sprint Schrägstrich Dauerlauf durch Treppenhaus und Häuserdächer knackiger, die Musik auch vor allem gleitend, geleitend und treibend. Zudem lässt man sich nicht lumpen, auch hier geht es schon wieder nach Amerika, folgend noch Stätte diverser Geschichten, The Italian Connection mit viel Blechschaden quasi.
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Re: Tomás Milián

Beitrag von Frau Stockl » Mo 1. Apr 2024, 11:20

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Nackte Tatsachen, eine strippende Frau am Nachbarfenster, eine Ablenkung des älteren Mannes mit dem Fernglas und dem schweren Atem direkt gegenüber, direkt in Blickrichtung, ein kurzer Spaß nur, ein teures Vergnügen; in der Zeit wird die Wohnung ausgeraubt, alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest ist, außer der Tapete im Grunde tatsächlich alles Tragbare geklaut. Ein Ort des Kriminellentums, ein Hort der Verbrecher, auf jeden Polizisten kommt ein Gauner quasi, einer des Berufes wegen, oder einer aus Leidenschaft und Triebsucht, ein Gesetzesübertreter. In Rom spielt eingangs die Geschichte, bei Tag wird der Trickdiebstahl im großen Stil begangen, bei Nacht das Prostituiertengebiet gepflegt, die Zeiten sind hart, auch das Schutzgeld und seine Erpressung sind am Blühen. Bald wird wieder geschossen, es wird geflüchtet, am helllichten Tage schon die Waffe gezogen, im Wissen des Gegenübers, im Angesicht vom Polizisten.

Ein Bürger hat sich hier die Hilfe vom Staat und seinen Organen und seinen Vertretern geholt, er hat auch genau den Richtigen erwischt, Giraldi kümmert sich nicht um Gefahren oder Bedrohungen, er geht ganz locker und entspannt an die Sachen heran, erst mit dem Mundwerk, dann mit den Fäusten. Ein Sprint wird eingelegt, einmal quer durch die Altstadt, einmal über den Markt, es wird gestürzt und gestolpert, es wird der Verkehr bedrängt, es wird auf fahrende Busse geklettert; das sind nur Kleinigkeiten, das ist nur der Anfang von Vielem.

Schlag auf Schlag geht es hier, die Polizei ist in Alarmbereitschaft, eine Revolte im Gefängnis, ein Polizeifilm mit ernstem Hintergrund und derben Lachern, die oftmals auch auf die Kosten von Kollegen und den braven Mitbürgern gehen; die "Polizei im Dienst der Mafia" ist anschließend die Schlagzeile. "Was kümmert es die Eiche, wenn ein Schwein pisst." ist die Meinung dazu von Giraldi; Giraldi ist aber dennoch bloß Untergebener, Angestellter vom Squadra antimafia, dem Anti-Mafia-Trupp, er bekommt einen Spezialauftrag, er soll sich unter die Häftlinge einschleusen, dazu braucht es erstmal einen triftigen Grund, es braucht eine Ausrede.

Gedreht ist das wie üblich hemdsärmlig, vielleicht etwas flotter als sonst, später verzweifelter, anfangs legerer, man hat etwas zu erzählen, legt aber erst keinen besonderen Wert darauf, am Ende dann umso mehr. Es geht alles etwas zackzack, rein-raus, das Tempo und die Leichtigkeit sind hier von Vorteil, die Ereignisse greifen ineinander, eine Mischung aus Alltag und Professionalismus. Dass Giradli jetzt wieder da angelangt ist, wo er hergekommen ist, zurück ins scheinbare Delinquentenleben, schließt der Reihe mit Kapitel 4 (von 11) vorübergehend ihren Kreis, also rein in das Kittchen, (erneut) raus in die Staaten, nach New York speziell, der Gangsterhochburg. Das gibt Abwechslung, das gibt Tourismusbilder wie beim Gendarm vom Broadway, die Europäer hier als Weltenbummler, einmal raus aus dem abendländischen Mief. Was beide noch eint, sie können die Landessprache nicht, es gibt weniger einen Kulturclash als vielmehr Verständigungsschwierigkeiten, Sprachbarrieren, Kommunikationshindernisse, natürlich für den seichten Gag, die Unflätigkeit, für den Wortwitz. Auch deswegen bleibt man eher in der eigenen kleinen Blase, in Little Italy, bei den Landsleuten, den anderen 'Migranten', wird sich in der Muttersprache unterhalten und die heimatlichen Gefühle ausgetauscht;Milián hier mit prominenten 'Partner' an der Seite, mit einem ebenbürtigen Mit- und einem ebensolchen Gegenspieler.

Später wird man dann auch mal aufgelauert, es gibt ordentlich Reibach, Milián geht auch mit den Beintritten ins Gefecht, mit dem Sprungkick, er ist nicht zaghaft und nicht zimperlich, es wird fleißig ausgeteilt und auch ebenso fleißig eingesteckt. Manches ist die Eintrittskarte für die 'Familie', "Don Girolamo, verletzt dich jemand, lebt er so lange wie ein Furz. Vertrau mir.", manches ist zum Erwehren der eigenen Haut, niemand lebt hier lange, jeder lebt gefährlich, er gibt sogar "38-Kaliber-Priester", und liebeskranke Stalkerinnen, und eine nächtliche Autojagd, einmal quer durch die Wüste und vorher durch ganz Las Vegas.
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Re: Tomás Milián

Beitrag von Frau Stockl » Do 4. Apr 2024, 04:29

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Gewalt und Schimpfwörter herrschen vor, dies als Warnung vorneweg, die Eröffnung macht gar nicht mal den Eindruck, eine liebliche Bootsfahrt zur ebenso lieblichen Musik. Ein abendlich erleuchtetes Vergnügen, eine Ausfahrt in trauter Gesellschaft, eine touristische Veranstaltung, dies nur als Überleitung zur eigentlichen Szene geltend, von Regisseur Bruno Corbucci ein inszenatorisches Husarenstück. "An dieser Stelle kommt eigentlich Applaus." heißt es auch entsprechend, ein Altherrentreffen der Politiker steht an, der Geschäftsleute, der Bürokraten, der Tiber als Verkehrsader ist geplant, ein Stromausfall, ein Mord, "So wie das aussieht, hat er ein Messer im Rücken." Viele Zeugen, viele Verdächtige, keiner hat was gesehen, niemand weiß etwas Genaues, die Polizei kommt in das Spiel, Kapitel 5 (von 11) der Saga um Inspektor Nico Giraldi, im Deutschen als 'Tony Marroni' angelegt.

Der Ripper wird hier gejagt, der 'Knipser', andere Kriminelle aber auch aufgespürt, 'falsche Fuffziger' gefangengenommen, Trickbetrüger, mit 'Freundschaftsklaps' verhaftet, ein Kalauer nach dem anderen herausgehauen, dazu grober Slapstick, erstmal ein Auto während der Spazierfahrt ruiniert. Die Lautstärke ist auf Anschlag, die Verbalien en masse verschleudert, es wird sich leger durchgefragt und auch fleißig geprügelt. Es gibt Backpfeifen in einer Druckerei, einer Hehlerwerkstatt, bevor es an den Tatort geht; Toni Marroni ist hier privat auch involviert, die Synchronisation durch Danneberg macht ihn attraktiver und souveräner, das Gebaren ist auf Krawall und auf Sorglosigkeit gleichzeitig angelegt. Hindernisse von Hierarchie und Bürokratie werden flapsig aus dem Weg geräumt, Missverständnisse eingeleitet und aufgeklärt, mit dem Fahrrad, einer alten Möhre, die Straßen durchquert und die Institutionen abgeklappert, das Leichenschauhaus, die Staatsanwaltschaft, das Gerichtsgebäude, das Polizeirevier, das Elektrizitätswerk, es wird ein Krimi entwickelt und die Suche nach dem Täter mit Befragungen und weniger konventionellen Methoden geklärt.

Die Stadt ist voller Toter, es wird sich nur um einen gekümmert, eben aus jeden persönlichen Gründen, Toni ist mit dem Verhafteten befreundet, er kennt auch dessen Tochter, die prompt bei ihm einzieht, obwohl nur ein Bett die Kaschemme füllt. Platz demnach in der kleinsten Stube, Platz für die Kamera und die Regie, die die Anweisung der Bebilderung gibt, eine halbnackte junge Frau wird abgefilmt, durch die Gegend gewandert, halb Rom durchpflügt, mit den gleichen (nicht denselben) Klamotten wie Vortags auch am nächsten Tag durch die Umgebung gestromert, Baskenmütze und blaue Handwerkermontur.

Schlag bei Frauen hat er so nicht, wird aber auf dreiste Art und Weise dennoch probiert, eine frische Witwe nicht bloß in der Kommunikation, der Gossensprache angegraben, sondern auch gleich abgetastet, wahlweise die Hand am Oberschenkel platziert oder es gleich an der Brust probiert; ein Verhalten ohne Skrupel und ohne Verträge, ein Benehmen wie ein Tier. Zwischendurch wird eine Autohatz durch die grüne Landschaft eingespielt, eine Flucht zum Airport vereitelt, die Stuntmen auf Trab gehalten, und mal upgespeedet und mal die Zeitlupen zelebriert. Froh darf man hier sein, dass der Chauvi auch mal Gegenwehr bekommt, durch Roberta Manfredi nämlich, die auch nicht gelinde mit Körperlichkeiten geizt und auch nicht mit schlagenden Attributen, die ihre Anwartschaft deutlich macht und ihr Eigeninteresse in den Vordergrund drückt. Die Darstellerin spielt auch als wenige auf ernst und ehrlich, viele andere chargieren, Milián selber verunstaltet sich ordentlich, hat aber Kraft seiner Augen dennoch eine Wirkung (was die Kamera auch weiß und ausnutzt) und nervt nur halb so viel wie in Bud, der Ganovenschreck, der Rest ist Lokalkolorit, viel Spinnerei, ein Ausflug in die Discoära und einige offensive Gags.

Wer nun tatsächlich der Mörder war, interessiert natürlich nicht so wirklich; der Weg dahin ist das Ziel, die Verdächtigen wurden sowieso kaum und nur im nebenher vorgestellt, Corbucci macht hier nicht auf Ratespezialist, die Unterhaltung steht an erster Stelle (Platz 46 in der Jahresliste 1979-1980, der Vorgänger Der Superbulle jagt den Paten war noch auf Platz 26), "Über meine Scherze wird er sich totlachen.", nicht der Plot ist die hauptsächliche Aufmerksamkeit und schon gar nicht verstrickt, verzwickt und kompliziert. Ein Kampf gegen die Machenschaften und der Korruption steht trotzdem an, das liegt so in der Natur der Sache, entsprechend gibt es auch Ärger von oben und verschlagene Attentate; Messerstechereien in dunkler Gasse und herabfallende Gegenstände. Bald häufen sich die Leichen, dezimieren sich die Teilnehmer der Tiberfreunde selber, die Fassade bröckelt, ein Killer auf Freiersfüßen, die Kühlkammer läuft über.
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