Der offizielle Louis-de-Funes-Thread

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Frau Stockl
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Re: Der offizielle Louis-de-Funes-Thread

Beitrag von Frau Stockl » Mi 22. Jun 2022, 23:43

Der Gendarm vom Broadway (1965)
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"Na los, ihr vertretet Frankreich!"
Wenig bis keine Zeit lässt man sich für die Vorbereitung und die Abreise, hat man es seitens des Drehteams und der verkörpernden Beteiligten insgesamt sehr eilig. Auf Saint-Tropez und das bekannte Polizeirevier wird nur ein kleiner (allerdings schon sehr von der Öffentlichkeit beachteter und fast schon unangenehm schaulustiger) Blick inklusive begleitender Prozession geworfen, bekommt die Lokalität an der Côte d’Azur eine kurze Verortung, fast noch weniger als im Vorgänger das Bergdörfchen Belvedere. Immer auf dem Sprung, immer auf Achse ist Darsteller De Funès sowieso, hier können ihn auch die Vorgesetzten nicht mehr bremsen und die Untergebenen schon lang nicht mehr. Los geht's mit dem Bus nach Nizza, ab Paris mit dem Zug, später mit dem Kreuzfahrtschiff ("Das Schiff ist wunderschön, aber es ist zu groß. Und wenn Sie einen herumführen, ist es doppelt so groß.") und zwischendurch mit dem Flieger. Von der alten Welt in die neue Welt, eine Steigerung des Kommerz, eine Reise mit Vergütung, wobei die Rechnung zumindest in Frankreich mit über zwei Millionen weniger Zuschauer irgendwie nicht aufging. (Zwei Bondfilme, genauer gesagt Goldfinger und Feuerball waren prominenter an den Abendkassen, sowie vor allem noch Scharfe Sachen für Monsieur.)

Gaudi kommt trotzdem und eingangs auch vermehrt auf, bei dem Englisch-Radebrech und dem extra eingeführten Schnellkurs Fremdsprachenkunde ("My flowers are beautiful." - "Your flowers are not beautiful!" - "My flowers are wohl beautiful!" - "Ihre flowers sind Käse! Käse!"), wobei der Wortwitz hier gegenüber dem in dieser Hinsicht recht kargen ersten Teil geradezu Blüten der Kreativität aufbringt ("Hören Sie mit den Albernheiten auf!" - "Ich bin nicht albern. Ich kann keine Luft kriegen." - "Man braucht keine Luft, wenn man ertrinkt."), und Ungeschick bis Deppentum aller Involvierten da auch sympathisch macht, befreiend lachen und grüßen lässt. Eine Dienstreise ja, aber verbunden mit Urlaub, mit Luxus pur, mit Annehmlichkeiten, mit Abschalten vom Alltag, mit leichten Entertainment am Abend und All-inklusive; darin eingebunden auch eine Geschichte, in der die Polizistentochter Nicole erneut für Scherereien (und zunehmend ärgerliche Versteckspielchen, anhaltende Missverständnisse und "Just a little Anschiss, but everything alright.") sorgt, und dies, obwohl sie eigentlich eine junge Frau schon und tatsächlich (mit 21) volljährig nun auch ist, und einer daraus auch einhergehenden Krimianalogie, die nach der Verlegung des Schauplatzes an die amerikanische Westküste langsam ihre ersten Fühler ausstreckt und nach hinten raus vollends in den Aktionismus geht.

Waren es zuvor die anheimelnden maritimen Aussichten und der Sommer, Sonne, Strand und Meer, was (neben den französischen Mädchen) für Liebreiz für die Augen sorgte, so sind es jetzt und nur der Gigantismus pur. Die glorreichen Panorama- und Hubschrauberaufnahmen, die Wolkenkratzer, die breiten Straßen, die Menschenmassen im Big Apple, das Gerenne und Gewusel durch die Stadtschluchten, die Missverständnisse mit der Sprache und den Gewohnheiten der Amerikaner – der mediale Werberummel, die Frauenrechtsbewegungen, das Aufkommen der Psychoanalyse, die plötzliche aufwändige Hommage/Parodie von West Side Story, Baseball etc. –, was mittig und auf Dauer aber etwas zu viel des Guten ist und da miteinbezogen viel (teils rassistisch angehauchter) Länderklischees auch arg bemüht wirkt.
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"Da schlägt man morgens die Zeitung auf und dann sowas... Pandemie? Welche Pandemie? Seit wann?"
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Re: Der offizielle Louis-de-Funes-Thread

Beitrag von Frau Stockl » Sa 25. Jun 2022, 16:30

Balduin, der Heiratsmuffel (1968)
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Ferienbeginn ist hier, die Sehnsucht nach Ruhe war auch cineastisch angesagt, der Film diesjährig auf Platz Zwei der alljährlichen Kinokassen, aktuell kein anderer De Funès am Start, kein Bourvil und auch kein Bond, was die Konkurrenz erleichterte und den Weg frei machte zum Treppchen und fast zum Hauptgewinn. (Dschungelbuch hat gewonnen.) Erkämpft hat man den abermaligen Etappensieg mit dem Festhalten an Tradition, nicht mit tiefgreifenden oder gar tiefgründigen Veränderungen, sondern einer verständlichen und verständlich einfachen Geschichten, die ebensolche Zutaten ausweist und auch im Humor die leichte Sprache spricht. Von Anbeginn an wieder auf Hochtouren, diesmal mit einer speziellen Mission, dem Aufhalten von Verkehrsrasern und anderen Strassenrowdies und sowieso dem sich heranwalzenden Flüchtlingsstrom. Die Gegend wird von mehreren Seiten und mehreren Lagern aus erkundet und gepeilt, Autokolonnen in Augenschein genommen und halsbrecherische Stunts und bald auch die entsprechende Geschicht' drumherum gesponnen.

Als zukünftige Ehefrau und dabei Aufhänger der Episode hier hat man Claude Gensac ausgesucht und zur Madam Cruchot erwählt; Gensac hat schon in Balduin, der Ferienschreck (1967) und Oscar (1967) an der Seite des kleinen Wirbelwindes, des hibbeligen Giftzwerges gespielt und stellt eine Art Gegenspieler für diesen dar und den optischen und intellektuellen Gegensatz, ohne das Tempo herauszunehmen oder das Spiel von De Funès zu blockieren. Als Darstellerin selber beliebt, wurde der durchaus schwierige Moment der privaten Anbindung in der dahingehend bislang eher prüden und rein beruflich angelegten Serie - in Teil 1 und 2 hat in unsachlichen Nebenplots nur die blutjunge Tochter so etwas wie Männerbekanntschaften, aber platonisch bleibend - schon mit der durchdachten Besetzungsentscheidung bereinigt. Den Rest erledigt die Liebe, der zweite Frühling, das Schweben auf Wolke Sieben, wo überirdische Gewalten walten und das Dienstliche eben vorübergehend unwichtig ist und in zweiter Instanz nur steht. Nebenan und hinterher ist auch bald Cruchot selber, verstehen die beiden Frauen sich untereinander doch zunehmend immer besser.

Dass man noch vor Mai '68 angedacht und geschrieben war, merkt man dabei deutlich, an der gewissen Ehrfurcht vor Rang und Titel, an der Simplizität auch der Klassen- und Geschlechterrollen; dass man während des Mai '68 Probleme hatte, auch in der Bredouille saß wie der Rest des Landes und auch geteilter Meinung zu den Geschehnissen und darüber durchaus Streit im Team aufkam: merkt man eher nicht. Politische oder gesellschaftliche Verantwortung bzw. eine Stoßrichtung kann man natürlich hineinlesen (“Eine Unverschämtheit ohne Beispiel. Diese jungen Leute heute sind von einer Unverfrorenheit, von einer Zügellosigkeit, da schießt einem das Wasser in die Augen. Die moralische Verkommenheit greift immer mehr um sich. Erschreckend.“), da hätte aber auch Der Gendarm von Saint-Tropez schon Jahre zuvor Veranlassung zu geboten. Zudem kommt der Polizeifilm hier mehr zum Tragen, später zeigt man mit der Wasserschutzarbeit weitere Facetten, zwischendurch verhaftet man tatsächlich noch einen mit dem Messer bewaffneten Kriminellen, der erst auf der Flucht ist, aber dann in den brutalen Angriff gehen will und vor Gemeingefährlichen nicht zurückschreckt, und die Episode mit dem Lernen für die Prüfung zur Beförderung und das tatsächliche Examen selber, sowie dem anschließenden Umsturz auf dem Revier nimmt auch seinen Raum ein: als kleine dramaturgische Note, als Prämisse für ein wahnwitziges, wenn auch völlig unterinszeniertes, geradezu unregistriertes Stuntspektakel im Finale und als Steigbügelhalter für die Gags.
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